Unerwünschte Kinder

Waren wir als Kinder unerwünscht, dann tragen wir diese schmerzliche Erfahrung als Erwachsene noch in uns. Um diesen Schmerz nicht fühlen zu müssen, spalten wir den kindlichen Anteil in uns ab.

Somit fehlt uns jedoch der Zugang zur Quelle

unserer Lebensfreude, Selbstliebe und Lebendigkeit.

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Kinder haben feine Antennen dafür, wie die Menschen in ihrem Umfeld zu ihnen eingestellt sind.

Erlebt ein Kind, dass seine Eltern oder Elternfiguren es nicht wollen, fehlt ihm die Erlaubnis „zu sein“, das bedeutet, „überhaupt da und am Leben zu sein“. 

In der Transaktionsanalyse spricht man hier von einer „Bann-Botschaft“ unter der das Kind steht. Zumindest, wenn es sie akzeptiert und die wohl meisten Kinder können in so einem Umfeld gar nicht anders.

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Bann-Botschaften – versteckte (und weniger versteckte) Abweisungen

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Bann-Botschaften werden selten verbal und direkt an das Kind gerichtet. Viel häufiger haben sie nonverbalen Charakter und werden indirekt geäußert in Form von abwertenden Blicken und einem überwiegend abweisenden und entwertenden Verhalten dem Kind gegenüber.

Die Bandbreite reicht von (versuchten) Abtreibungen und Kindestötungen über die Abgabe in ein Kinderheim oder die Freigabe des Kindes zur Adoption und das spätere „aus dem Haus jagen“.

In manchen Fällen wird den Kindern bereits früh angedeutet, dass sie das Haus verlassen sollen, sobald sie mit der Schule fertig sind, um auf „eigenen Beinen“ stehen zu lernen. Dann findet die Abschiebung unter diesem Vorwand statt und die Eltern tun so, als ob sie nur das Beste für das Kind wollten, während sie in Wirklichkeit nur das Kind loswerden möchten.

Bann-Botschaften können auch indirekt vermittelt werden. Das ist beispielsweise der Fall, wenn das Kind mitbekommt, wie seine Eltern vor anderen in einer Weise über es sprechen, die deutlich macht, dass es besser nicht da wäre.

Manche Eltern sagen es ihrem Kind auch direkt. „Eigentlich wollten wir kein Kind mehr“, „Du warst ein kleiner Unfall“, „Wenn Du nicht gekommen wärst, hätte ich zu Ende studieren können und wir könnten uns heute viel mehr leisten, aber naja, nun bis du nun mal da“ usw.

Auch wenn versucht wird, durch ein ironisches Lächeln die Wirkung etwas abzuschwächen, ist doch die darunter liegende Botschaft nicht zu überhören.

In besonders gereizten Momenten und bei Eltern, die völlig überfordert sind oder ein hohes Aggressionspotenzial haben, wird dem (meist etwas älteren) Kind oft sogar offen gedroht. „Ich jag Dich nochmal aus dem Haus“,  „Sieh zu, dass Du abhaust, sonst kann ich für nichts garantieren“ oder „Geh mir aus den Augen, ich kann dich nicht mehr sehen“.

Oft wird die Botschaft auch in Form eines „Mythos von einer schweren Geburt“ vermittelt, der dann bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit immer wieder mal hervorgeholt wird. „Ich wäre bei der Geburt fast gestorben“, „Du hast Mami sehr wehgetan damals“, usw.

Die unterschwellig übermittelte Botschaft lautet dabei immer „Wenn Du nicht gekommen wärst, würde es mir (uns) besser gehen“.

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Anteilnahmslose Eltern

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Das Übermitteln der Bann-Botschaft „sei nicht“ muss jedoch nicht durch direkt oder indirekt geäußerte Ablehnung stattfinden. Sehr häufig und manchmal in den Auswirkungen noch viel schlimmer ist die völlige Anteilnahmslosigkeit der Elternfiguren am Leben, Lieben und Leiden des Kindes.

Das ist dann der Fall, wenn das Kind spürt, dass es anstellen kann was es will, es wird dennoch nicht wahrgenommen und anerkannt. Selbst dann nicht, wenn es versucht, Anerkennung für gute Leistungen z.B. in der Schule zu bekommen. Wenn gute Leistungen einfach vorausgesetzt werden. Dann merkt es, dass sein Leben für die Familie einfach nicht zählt.

  • Nichts ist für einen Menschen vom sozialen Standpunkt her schlimmer, als dass seine Existenz von seinem Umfeld nicht anerkannt wird.

Wir alle brauchen die Zuwendung unseres Umfeldes. Besonders natürlich unserer Elternfiguren und nochmal mehr, je jünger wir sind.

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Diese Zuwendung ist ein elementares Grundbedürfnis jedes Menschen.

Ohne sie sterben wir.

Das wissen wir spätestens seit dem 13. Jahrhundert. Kaiser Friedrich der II. wollte herausfinden, welches die dem Menschen angeborene Sprache ist.

Zu diesem Zweck befahl er den Pflegerinnen die ihnen anvertrauten Säuglinge körperlich bestens mit allem zu versorgen, was diese für ihr Gedeihen brauchen, jedoch auf jegliche Form der Zuwendung sowie vor allem das Reden mit und vor ihnen zu verzichten.

Er wollte herausfinden, in welcher Sprache die Kinder ab einem gewissen Alter von allein anfangen zu reden. Natürlich ist das aus heutiger Sicht Quatsch.

  • Die wichtige Erkenntnis war aber, dass keines der Kinder das Alter der natürlichen Sprachenentwicklung überhaupt erreicht hat, denn alle sind an Deprivation (Unterstimulierung) und Zuwendungsmangel gestorben.

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„Schuldig“ oder unschuldig?

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In manchen Fällen geben sich Kinder diese Bann-Botschaften auch selbst. Unsere Kinderseele ist in der Regel schnell bereit, die Verantwortung zu übernehmen und sich selbst die Schuld für etwas zu geben, für das es beim besten Willen nichts kann.

Das wissen wir nicht nur aus der Arbeit mit Scheidungskindern, die felsenfest davon überzeugt sind, dass sie selbst der Grund dafür sind, dass „Papa gegangen ist“ oder „Mama uns nicht mehr lieb hat“.

Dies geschieht z. B. häufig dann, wenn es einen Schicksalsschlag in der Familie gab und das Kind kurz vorher „ungezogen“ war. Wenn dem Kind gesagt wird „Iss deinen Teller auf, sonst passiert etwas Schlimmes“ und es verhält sich trotzig und am nächsten Tag stirbt der Opa gibt es gar nicht wenig Kinder, die tatsächlich glauben, dass es hier einen Zusammenhang gäbe.

So können sich Kinder unschuldig schuldig fühlen und glauben „Wenn es mich nicht gäbe, wären die anderen besser dran“. Es gibt also oft so genannte Schlüsselmomente, in denen eine Bann-Botschaft angenommen und somit Teil der eigenen Identität wird.

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Egal auf welche Art ein Kind zu der Überzeugung gelangt, dass es besser nicht da wäre, hat es von da aus viele unterschiedliche Möglichkeiten, damit umzugehen.

Diese Entscheidung fällt natürlich so gut wie nie bewusst. Grundvoraussetzung dafür, dass eine Bann-Botschaft im Leben eines Menschen wirksam wird ist, dass das Kind sie für sich annimmt.

Manchmal sind Kinder so bewusst, dass sie die Bann-Botschaften ignorieren oder zumindest nicht weiter als bis zum einem bestimmten Punkt an sich heran lassen.

Dies ist z. B. dann der Fall, wenn Kinder gewohnt sind, Nachrichten mehr auf dem „Selbstoffenbahrungsohr“* zu hören. Dann hört es bei Botschaften, die es empfängt, eher heraus, was der Sender der Botschaft damit für eine Aussage über sich selbst und seine eigene Befindlichkeit gibt, als die Aussagen uneingeschränkt auf sich selbst zu beziehen.

Dann empfängt das Kind die Botschaft „sei nicht“ und fragt sich eher, was mit den Eltern nicht stimmt, dass sie sich so verhalten. Oder es erkennt die Absurdität des ganzen Vorgangs und weist ihn so gut es geht von sich. Diese Fälle sind aber erfahrungsgemäß eher die Ausnahme und meiner Beobachtung nach bleibt ein Teil zumindest so gut wie immer hängen.

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Wie Kinder damit umgehen

verschiedene Reaktionsweisen

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Nimmt ein Kind die Bann-Botschaft „sei nicht“ für sich an, wird es ab dann permanent versucht sein, gegen seine „eingebaute Unzulänglichkeit“ anzuarbeiten.

Da es tief in sich seine eigene Daseinsberechtigung in Frage stellt, wird es vielleicht versuchen, Everybody‘s Darling zu werden. Es geht dann im Jargon der Transaktionsanalyse von der Grundeinstellung „Die anderen sind ok, ich bin nicht ok“ aus und wird andere immer über sich stellen.

Es ist dann auch später, wenn es erwachsen ist, für seinen Selbstwert vollkommen abhängig von den Zuwendungen und dem Wohlwollen seiner Mitmenschen. So jemand verzichtet gerne auf die Erfüllung oder auch nur Anmeldung eigener Bedürfnisse. Hauptsache, man fällt nicht beim Anderen in Ungnade. Das geht oft bis zu jenem Punkt, an dem ein Mensch seine eigenen Bedürfnisse gar nicht mehr wahrnehmen kann.

Ebenso verhält es sich beim Thema „Annehmen von Lob“. Jemand mit einem entsprechend geprägten Selbstbild wird Schwierigkeiten haben, Lob und Anerkennung, die er nicht gewohnt ist, anzunehmen.

Normalerweise wird er sie runterspielen „das hätte doch jeder Andere auch gekonnt“ oder schnell übergehen. Manchmal filtert er sie raus und scheint sie gar nicht wahrzunehmen oder er wähnt insgeheim, dass ihn der oder die Lobende mit der Anerkennung nur manipulieren wolle, weil es da bei so einem Menschen wie man selbst ist, einfach nichts zu loben gibt.

Derjenige verhält sich dann frei nach der Aussage von Groucho Marx: „Einem Club, der mich als Mitglied aufnehmen würde, würde ich nicht beitreten.“ Im Sinne von: „Wenn die einen wie mich aufnehmen würden, kann auch mit denen etwas nicht stimmen.“

In vielen Fällen wird versucht, der empfundenen eigenen Minderwertigkeit durch Überkompensation zu begegnen.

Eine häufige Variante ist der Perfektionismus, also die eigene „Null-Fehler-Toleranz“. Dann habe ich das Gefühl, ich bin nur dann o.k., wenn ich immer! alles perfekt mache.

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So jemand erfüllt dann nicht seine Aufgaben, er übererfüllt sie.

Manchmal nicht in allen Lebensbereichen, sondern nur in ausgesuchten. Beispielsweise auf der Arbeit, was sehr häufig ist. Ein Mensch in dieser Dynamik kennt sein richtiges Maß nicht. Er weiß nicht und kann nicht sagen, wann gut wirklich gut genug ist. Zumindest muss er über diese Frage schwer nachdenken. Das Problem dabei ist nicht der Anspruch, möglichst gut in etwas sein zu wollen.

Das ist ein wichtiger Motivationsfaktor und wenn ich mich einer Herz-OP unterziehen müsste, wäre ich absolut einverstanden damit, wenn der Chirurg den Anspruch an sich hat, keine Fehler zu machen. Das Problematische an dieser Haltung ist für die Betroffenen das Wörtchen „sonst“. Das klingt dann im inneren Erleben ungefähr so: „Ich muss alles perfekt und fehlerfrei machen, SONST bin ich nicht liebenswert (in Ordnung, akzeptabel, usw.).

In diesem Fall ist also der eigene Selbstwert zu eng mit der Bedingung verknüpft, meine Aufgaben möglichst alle überzuerfüllen. Manche Karriere, die schon früh als „Klassenbester“ begann, folgt innerlich solch einer Dynamik.

Ebenso wie manche „Aufreißer-Karriere“

  • Manch einer beweist sich immer wieder den eigenen Wert (weil er insgeheim selbst nicht dran glauben kann), indem er Eroberungen sammelt.

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Gleichzeitig muss ich mich bei häufig wechselnden Partnern bzw. Partnerinnen nicht der Gefahr und dem Beziehungsrisiko einer zu tief gehenden Bindung und der damit einhergehenden Nähe aussetzen. So habe ich in manchen Fällen gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Zumindest an der Oberfläche, denn darunter zahlen natürlich alle Beteiligten den Preis.

Manchmal folgen Menschen der Bann-Botschaft „sei nicht“ bis zum bitteren Ende und ziehen sich Stück für Stück oder auf einen Schlag selbst aus dem Leben. Die Bandbreite reicht von Arbeitssucht und Extremsportarten mit hohem Risiko oder „Autofahren wie ein Todeskandidat“ über Alkohol- und Drogenmissbrauch bis hin zum vollzogenen Suizid.

  • Nicht selten gehen diesem im Vorfeld Erlösungsphantasien voraus, in denen die Betroffenen sich ausmalen, wie die Anderen auf der Beerdigung bitter weinen und bereuen werden und endlich spüren, wie wertvoll der Mensch war, den sie gerade verloren haben.

Eine andere mögliche Reaktionsweise eines Menschen, der unter dieser Bann-Botschaft steht, ist die Rebellion. Sie kommt aus einem trotzigen Kind-Ich-Anteil.

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Wir haben weiter oben gesehen, dass negative Zuwendung wesentlich besser ist, als gar keine Zuwendung. Letzteres  können wir nicht ertragen. Hat das Kind früh gelernt, dass es sich sprichwörtlich ein Bein ausreißen kann und dennoch keine Anerkennung bekommt, lernt es vielleicht, dass die Eltern oder Elternfiguren sich ihm zuwenden, wenn es richtig Krawall macht.

Natürlich werden die Eltern dann sehr negativ reagieren, aber sie werden so immerhin gezwungen, sich mit dem Kind auseinanderzusetzen. Wer in seiner Kindheit erfahren musste, dass Zuwendung wenn überhaupt dann nur in negativer Form kommen kann, hat später manchmal eine verzweifelte Laufbahn als Unruhestifter vor sich.

Das geht in härteren Fällen soweit, dass ein Mensch später immer mal wieder mit dem Gesetz in Konflikt kommt.  In mittleren und leichteren Fällen bedeutet es zumindest, dass jemand für seine Wutausbrüche oder Schwierigkeiten, geltende Regeln einzuhalten, bekannt wird.

Und seien es nur die Regeln des guten Tons in zwischenmenschlichen Beziehungen. So jemand wird nicht selten auch später einen Partner anziehen, der ein ähnliches Thema hat.

Vielleicht verhält sich dieser dann ebenfalls jähzornig oder er macht das genaue Gegenteil und duckt sich weg, wenn andere aufbrausend werden. Denn es ist eine faszinierende Beobachtung, dass sich mit überdurchschnittlicher Häufigkeit immer wieder Paarkonstellationen finden, die beide mehr oder weniger das gleiche „Kernthema“ zu lösen haben.

Manchmal gehen beide auf die gleiche Weise damit um. Viel häufiger ist aber der Fall, dass sich hier Gegensätze anziehen.

Die Herangehensweise an das gemeinsame Kernthema ist damit der Gegenentwurf zu unserer eigenen Art des Umgangs damit. Es kann somit als Versuch gesehen werden, das, was uns fehlt, hereinzunehmen, um vollständiger zu werden.

Auf diese Weise versuchen wir dann, unser Kernthema in den Griff zu bekommen. Ganz nach dem Hegel’schen Dreischritt von These, Antithese und Synthese. Doch selten gehen diese Lösungsversuche in der Praxis auf.

Lösungsansätze

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  • Die Lösung geht zunächst über die Bewusstmachung der im Hintergrund wirkenden Dynamiken und später über „die Erlaubnis zu sein“.
  • Betroffene können in Therapie und Coaching lernen, in der Übertragsungssituation mit einem Professional heilsame und korrektive Beziehungserfahrungen gleichsam neben die alten negativen zu stellen.

Dieser vielschichtige und komplexe Prozess lässt sich an dieser Stelle natürlich nicht angemessen darstellen. Ebenso wenig wie ein Text dieses geringen Umfangs unmöglich alle verschiedenen Erscheinungsweisen und Ausprägungen der oben angedeuteten Dynamiken im menschlichen Leben und Erleben abdecken kann.

Wir haben hier gerade mal an der Oberfläche gekratzt. Mein Ziel mit dem Text war lediglich, auf diese Thematik aufmerksam zu machen, damit sich Betroffene in der Folge weiter damit auseinandersetzen können.

Egal, ob man nun selbst betroffen ist oder jemanden im Umfeld hat, der unter dieser Dynamik steht. Zu Beispiel der eigene Partner oder die eigene Partnerin.

Quelle: von Andreas Gauger – mymonk –  liebeisstleben 

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